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Jenna Dagenhart: Hallo und herzlich willkommen bei Asset TV. Heute sprechen wir mit David Semple, Portfoliomanager der Emerging Markets Equity Strategy von VanEck. Herr Semple, wie bewerten Sie die Beziehungen zwischen den USA sowie China und das jüngst vom Senat verabschiedete Gesetz? Könnten Sie über das Delisting chinesischer Unternehmen an US-Börsen sowie die Ankündigung zu Hongkong und die Auswirkungen sprechen? Was bedeutet all dies für Ihre Schwellenländer-Aktien-Strategie?


David Semple: Hallo Frau Dagenhart. Vielen Dank für die Einladung. Das ist eine komplexe und vielschichtige Frage. Es gibt eine Vielzahl sich ändernder Berührungspunkte zwischen den USA und China. Generell sind die meisten dieser Änderungen nicht sehr gut. Wir beobachten meines Erachtens eine Verschlechterung der Beziehung. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Letztlich geht es aber um die zunehmende Macht Chinas und die Bereitschaft des Landes, diese Macht weltweit stärker auszuspielen. Genau genommen geht es außerdem um Folgendes:


Erstens konnte im vergangenen Jahr ein Phase-1-Handelsabkommen ausgehandelt werden. Meines Erachtens wird es hier zu keinem Rückzieher kommen, denn es handelt sich um die große Errungenschaft der US-Regierung in Bezug auf China. Und obschon sich China schwertun wird, seine Verpflichtungen einzuhalten, besteht etwas Spielraum, ganz einfach weil wir es in der ersten Jahreshälfte offensichtlich mit diesem Virus zu tun hatten. Mittlerweile befinden wir uns aber in zwei ganz anderen Phasen, die über die Handelsbeziehungen hinausgehen. Ich würde diese als Gabelung beim Kapital und der Technologie beschreiben. Bei den ADRs geht es zunächst um das Kapital.


Es ist etwas undurchsichtig und kompliziert, warum das so ist. Im Wesentlichen hat das Public Company Accounting Oversight Board aber keine Möglichkeit, Einblick in die Prüfungsunterlagen chinesischer ADRs zu nehmen. Im Grunde genommen haben die Chinesen hier ganz einfach den Zugang verwehrt. So hieß es dann, „Wir können diesbezüglich keine Einigung erzielen, also haben wir kein Vertrauen in die Rechnungslegung.“ Obschon das meines Erachtens bei den größten Unternehmen ein wenig absurd ist, könnte es bei den kleinsten börsennotierten chinesischen ADRs gerechtfertigt sein.


Im Prinzip sagen sie: „Wenn das Gesetz unterschrieben wird, nachdem es bereits einen Teil des legislativen Prozesses durchlaufen hat, bedeutet das, dass die Notierung von ADRs eingestellt werden muss“. Wahrscheinlich wird es eine Gnadenfrist geben, im Moment sind drei Jahre vorgesehen. In dieser Zeit werden sich die chinesischen ADRs, zumindest die meisten von ihnen, d. h. die großen Unternehmen, eine Alternative suchen, die wohl auf eine Sekundärnotierung an der Hong Kong Stock Exchange hinauslaufen wird.


Nach dem Delisting könnte diese dann später zu einer Primärnotierung führen. Für institutionelle Investoren wie uns macht es eigentlich keinen Unterschied, wo wir diese Wertpapiere handeln, und während der Übergangszeit würden sie marktfähig bleiben. Dabei würden sich kaum Auf- oder Abschläge bzw. kaum Übertragungskosten ergeben. Für einige Anleger, etwa für manche ETFs oder Privatanleger in den USA, würde das aber bedeuten, dass sie aufgrund der Börsennotierung in Hongkong nicht mehr diese Unternehmen kaufen können. Andererseits könnten diese Papiere im Laufe der Zeit, d. h. nicht sofort, aber allmählich, aufgrund ihrer Notierung in Hongkong für das Southbound-Connect-Handelsprogramm und somit für Anleger auf dem chinesischen Festland in Frage kommen.


Und wenn Anleger vom Festland sich erst mal in etwas verbeißen, ist die Entwicklung gewöhnlich rasant, was in den letzten Tagen an den chinesischen Märkten zu beobachten war. Derzeit können sie über dieses Programm z. B. nicht Alibaba kaufen, aber nächstes Jahr um diese Zeit dürften sie schon dazu in der Lage sein. Das Gleiche würde für einige der anderen ADRs gelten, wenn sie in Hongkong eine Sekundärnotierung erlangen. Ich mache mir darüber also keine allzu großen Sorgen. Das Thema Technologie dürfte das künftig größere und schwierigere Problem sein.


Jenna Dagenhart: Wenden wir uns nun anderen Regionen zu, wie Lateinamerika. Wie schätzen Sie die Lage an den Märkten dieser Schwellenländer ein? Sind Sie nach wie vor in Unternehmen mit Sitz in Lateinamerika investiert?


David Semple: Ich habe bereits den Begriff „Gabelung“ genannt. Meines Erachtens triff er auf das Anlageuniversum der Schwellenländer allgemein zu, sowohl in wirtschaftlicher als auch medizinischer Hinsicht. Und leider kann Lateinamerika derzeit als Krisenherd in Bezug auf Covid bezeichnet werden. Meines Erachtens verfügt die Region im Gegensatz zu Nordost-Asien an vielen Orten nicht über die medizinische Infrastruktur und auch nicht über den fiskalpolitischen Handlungsspielraum, mit dieser Krise fertigzuwerden. Es ist aber wichtig, dass wir in Aktien anlegen. Wir investieren in Unternehmen, aktienspezifische Situationen, die häufig stark einzelfallspezifisch sind. Selbst wenn das makroökonomische Umfeld in Ländern wie Brasilien oder Mexiko gelinde gesagt kompliziert anmuten mag, können wir nach wie vor sehr interessante Unternehmen ausfindig machen.


Und natürlich haben wir unsere Prognosen für diese Unternehmen angesichts der Ereignisse im ersten Halbjahr schonungslos nach unten korrigiert, während sich die Gesellschaften im Großen und Ganzen sehr gut behaupteten. Das heißt nicht, dass sie von der Krise nicht betroffen wären. Sie sind wohl lediglich weniger stark betroffen als die Märkte allgemein.


Jenna Dagenhart: Könnten Sie zum Schluss einen genaueren Einblick in Ihr Portfolio geben und uns einige Beispiele nennen, die sich in diesem Umfeld und seinen schnellen Änderungen bewährt haben oder auch nicht? Weist Ihre Strategie zukunftsorientierte Unternehmen mit strukturellem Wachstum auf?


David Semple: Nun, insbesondere in Bezug auf das Gesundheitswesen gibt es in China drei Nutznießer. Einer davon ist das Unternehmen Ping An Good Doctor, über das ich in diesem Forum vielleicht schon einmal gesprochen habe. Es ist das derzeit größte Unternehmen weltweit aus dem Bereich der Telemedizin, das sich sehr stark entwickelt. Die Regierung sieht sich in der Gesundheitsversorgung einem Sparzwang ausgesetzt. Virtuelle Sprechstunden und virtuelle Rezepte sind eindeutig ein Teil der Lösung, und das Unternehmen ist in China darin führend.


Aber auch im Bereich der Innovation ist China sehr weit, etwa bei pharmazeutischen Innovationen. Eines der von uns gehaltenen Unternehmen ist Wuxi Biologics. Es handelt sich um einen Hersteller von Biologika, der außerdem ausgelagerte Auftragsforschung leistet. Im Grunde genommen lassen dort andere Unternehmen mit interessanten potenziellen Biologika ihre Forschungen anstellen. Anschließend kommt es dann zur Herstellung auf Basis des aus dieser Forschung gewonnenen Moleküls. Das Unternehmen arbeitet mit vielen großartigen und führenden Pharmaunternehmen weltweit zusammen.


Für Wuxi Biologics ist dies eine hochinteressante Zeit mit dem Potenzial, von etwaigen Verkaufsschlagern zu profitieren, die sich im aktuellen Umfeld auch auf globaler Ebene ergeben könnten. Das ist also ein sehr interessanter Bereich für uns.


Was eher schwierigere Bereiche betrifft, war ein interessantes Segment das der Mikrofinanzierung. Uns gefällt dieser Bereich allgemein, denn er ermöglicht der unteren Schicht der Vermögenspyramide den Zugriff auf Kredite. Er bietet Kapital dort, wo ansonsten keines vorhanden wäre. Und der Bereich der Mikrofinanzierung dient stark bzw. fast immer produktiven Zielen. Es handelt sich also um einen sehr positiven Beitrag für die unteren Gesellschaftsschichten. Das Gute und zugleich Schlechte daran ist auch der einzige Grund, weshalb herkömmliche Filialbanken hier einfach nicht mithalten können: Es handelt sich um ein sehr sozial basiertes Kreditgeschäft.


Es bedarf dazu der Kontakte vor Ort. Man muss zur Kreditprüfung sprichwörtlich an Türen klopfen. Man holt Informationen und Zinszahlungen also vor Ort im sozialen Umfeld ein. Bei einem Lockdown ergeben sich da offensichtlich Probleme. Deshalb wurde das Segment pandemiebedingt in Mitleidenschaft gezogen, und im zweiten Quartal erholte es sich glücklicherweise wieder sehr stark. Wir glauben, dass sich dieser Bereich langfristig sehr gut entwickeln und aufgrund seiner sozialen Komponente sehr vielseitig aufstellen wird. Das wird sich in der Zukunft zeigen.


Jenna Dagenhart: Ja, wenn wir wieder zur Normalität zurückkehren.


David Semple: Ja, hoffentlich.


Jenna Dagenhart: Vielen Dank, Herr Semple, dass Sie heute bei uns waren. Es ist toll, dass Sie heute zu uns kommen konnten.


David Semple: Gerne. Herzlichen Dank.


Jenna Dagenhart: Und vielen Dank fürs Zuschauen! Das war David Semple, Portfoliomanager für die in Schwellenländer-Aktien investierte Strategie bei VanEck. Ich bin Jenna Dagenhart von Asset TV. Um regelmäßig Einsichten der Experten von VanEck zu erhalten, können Sie uns unter vaneck.com/ucits/subscribe abonnieren.