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15 Oktober 2026
In den Monaten seit dem Ausbruch des Krieges im Nahen Osten am 28. Februar 2026 sind die geografischen Grenzen der Öl- und Gasversorgung deutlich geworden. Vor dem Konflikt flossen täglich rund 20 Mio. Barrel Rohöl und Ölprodukte durch die Straße von Hormus, etwa ein Viertel des maritimen Ölhandels.1Aber seit der Iran seine Macht über die Meerenge entdeckt hat, ist klar geworden, wie anfällig diese kritische Handelsroute ist.
Das Transportvolumen fielen zwischen März und Mai auf durchschnittlich 2,7 Mio. Barrel pro Tag, ein Rückgang von mehr als 85 %, den die Internationale Energieagentur (IEA) als die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte bezeichnete.2Unter dem Schutz des US-Militärs hat sich die Schiffsverkehr inzwischen etwas erholt, die Lage bleibt aber unberechenbar.
Da keine Lösung in Sicht ist, ist das globale Energiesystem eine Geisel der Geographie – in diesem Fall des geografischen Engpasses von Hormus. Brennstoff importierende Länder reagieren darauf, indem sie die Elektrifizierung vieler Endanwendungen beschleunigen, für die heute direkt fossile Brennstoffe verbrannt werde – zum Beispiel den Straßenverkehr, Industriewärme sowie Raum- und Wassererwärmung. Neben Dekarbonisierungszielen versuchen sie, ihre Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas zu reduzieren.
Hormus hat aufgedeckt, wie anfällig die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt sind. Die Regierungen haben Hunderte Millionen Barrel aus den Reserven freigegeben, um einen Ölschock zu vermeiden. Die Folge sind verschwindend kleine Lagerbestände. Die strategischen Ölreserven der USA lagen Mitte September bei 285,0 Mio. Barrel, was dem niedrigsten Stand seit November 1982 entspricht. Die Betriebsleistung der US-Raffinerien lag dabei bei fast 98 % ihrer Kapazität.3
Das fing den schlimmsten Schock ab. Trotzdem stiegen die Brent-Rohölpreise von rund 60 USD pro Barrel Anfang 2026 auf rund 100 USD Anfang Oktober. Der durchschnittliche Dieselpreis an den Zapfsäulen in den USA hat sich fast verdoppelt und erreichte einen Rekordwert von 6,285 USD pro Gallone4, und auch in der EU stiegen die durchschnittlichen Dieselpreise auf neue Höchststände.5
Die Preis für Öl und raffinierte Produkte steigen stetig
Kraftstoffpreise im US-Einzelhandel ggü. Brent Crude (2026 YTD)
Zahlen zur Wertentwicklung in der Vergangenheit beziehen sich auf die Vergangenheit und sind kein zuverlässiger Indikator für zukünftige Ergebnisse.
Quelle: Bloomberg L.P., Tagesdaten 01.01.2026 bis 23.09.2026 (Stand: 23. September 2026). Diesel = AAA Durchschnittlicher Dieselpreis im US-Einzelhandel (3AGSDIES-Index); Benzin = AAA Durchschnittlicher Normalbenzinpreis in den USA (3AGSREG-Index); Brent = ICE Front-Month-Futures für Brent Rohöl (CO1 Comdty), letzter Preis.
Die großen Volkswirtschaften gehen davon aus, dass die Störungen anhalten werden, und schreiten zur Tat. Die Europäische Kommission veröffentlichte am 17. Juli 2026 einen Aktionsplan zur Elektrifizierung, der darauf abzielt, den Anteil des Stroms am Endenergieverbrauch bis 2040 von 23 % auf 46 % zu verdoppeln. In den Worten der Kommission ist „eine energieunabhängige Union, die effizient mit sauberer, reichlich vorhandener und erschwinglicher Energie betrieben wird, eine Frage der Souveränität.“6
In Europa wird ein Anstieg der Investitionen erwartet. Die angekündigte Finanzierung umfasst Darlehen in Höhe von 100 Mrd. EUR von der Industrial Decarbonisation Bank und mehr als 75 Mrd. EUR von der Europäischen Investitionsbank über drei Jahre, wobei Netzwerke Priorität haben und eine Verzehnfachung der Batteriespeicher von rund 55 Gigawatt (GW) im Jahr 2026 auf 500 GW bis 2040 angestrebt wird.7
Selbst in den Vereinigten Staaten, wo der Schwerpunkt auf fossilen Brennstoffen liegt, umfasst das 10,5 Mrd. USD schwere GRIP-Programm des Energieministeriums8 jetzt eine SPARK-Runde in Höhe von 1,9 Mrd. USD für fortschrittliche Übertragungstechnologien.9Private Elektrizitätsunternehmen werden zwischen 2026 und 2030 voraussichtlich 1,4 Bio. USD investieren10, und in einer Bestimmung des Defense Production Act vom April wurden Transformatoren, Leiter und Umspannwerke für die Landesverteidigung priorisiert.
In China gibt es den Plan, über einen Zeitraum von vier Jahren bis 2030 4 Bio. RMB (574 Mrd. USD) in das staatliche Stromnetz zu investieren.11Auch das Vereinigte Königreich, Indien, Kanada und Australien haben alle mehrjährige Übertragungsnetzprogramme angekündigt.12
Öffentliche Finanzierungszusagen für die Stromnetzinfrastruktur im Jahr 2026 (Mrd. USD-Äquivalent)
Quelle: Internationale Energieagentur. (2025a, 10. April). Increase in electricity demand by sector, base case, 2024–2030. Hinweis: Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schätzungen und Prognosen, die auf aktuellen Annahmen und verfügbaren Informationen basieren. Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die tatsächlichen Ergebnisse können wesentlich abweichen und es gibt keine Garantie dafür, dass diese Projektionen eintreten werden.
Die Fähigkeit, Erzeugungs- und Übertragungskapazitäten aufzubauen, erweist sich jedoch als ein ähnlicher Engpass wie die Straße von Hormus – wenn auch mit weniger schwerwiegenden Folgen. Kabel, Transformatoren, Umspannwerke, Leistungselektronik, Energiespeicher, Kühlsysteme und Stromnetzsoftware sind gefragt. Alle greifen auf dieselbe Lieferkette zurück und der Ausbau von Produktionskapazitäten dauert Jahre, wobei qualifizierte Arbeitskräfte oft knapp sind. Infolgedessen kann es länger dauern als erwartet, bis neue Stromerzeugungs- und Übertragungskapazitäten fertiggestellt werden.
In einer Schätzung aus dem Jahr 2025, lange vor dem Iran-Konflikt, schätzte die IEA, dass der weltweite Strombedarf bis 2030 um durchschnittlich 3,6 % pro Jahr steigen würde.13Laut der Prognose sollten KI-Datencenter ihren Verbrauch von 415 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2024 auf etwa 945 TWh bis 2030 mehr als verdoppeln.14Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und die Rückverlagerung der Industrie ins Inland trugen alle zur Nachfrage bei.
Das Ausmaß des Problems wird durch die Aussage der IEA verdeutlicht, dass weltweit mehr als 2.500 GW an erneuerbaren Energien, großen Last- und Speicherprojekten auf ihren Netzanschluss warten müssen. Die IEA schätzt, dass die jährlichen Netzinvestitionen bis 2030 von etwa 400 Mrd. USD auf etwa 600 Mrd. USD steigen müssen.15
Anstieg der Stromnachfrage nach Sektoren, Basisszenario, 2024-2030
Die Wechselkurse dienen nur der Veranschaulichung. Die Grafik enthält nur öffentliche Investitionsankündigungen aus dem Jahr 2026 und verwendet ungefähre Wechselkurse von Mitte 2026, um einen marktübergreifenden Vergleich zu erleichtern. Quelle: Offizielle Dokumente der Europäischen Kommission, SASAC, des US-Energieministeriums, CEA, Ofgem, CEFC und Natural Resources Canada. Hinweis: Bei diesen Zahlen handelt es sich um Schätzungen und Prognosen, die auf aktuellen Annahmen und verfügbaren Informationen basieren. Die tatsächlichen Ergebnisse können wesentlich abweichen und es gibt keine Garantie dafür, dass diese Projektionen eintreten werden.
Die Störung an der Straße von Hormus hat gezeigt, in welchem Ausmaß die Energiemärkte Geiseln der Geographie sind. Genau wie bei Ländern werden die Möglichkeiten durch Berge, Flüsse und Meere begrenzt.
Bereits jetzt planen Energieimporteure, ihre Investitionen in die Elektrifizierung zu verstärken. Die kohlenstoffarme Energieerzeugung, einschließlich Kernenergie, modernisierte Stromnetze, Speicher und Leistungselektronik, kann dazu beitragen, die Abhängigkeit von Kohlenwasserstoffen und damit verbundenen Engpässen im Schiffsverkehr zu verringern. Diese Nachhaltigkeitsvorteile sind nicht garantiert und unterliegen Risiken, einschließlich der Umkehrung von Elektrifizierungsmandaten, Änderungen der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für saubere Energie, der Möglichkeit, dass die Dekarbonisierungsziele unter Umständen nicht erreicht werden, und dem Risiko, dass die staatlichen Finanzierungszusagen möglicherweise nicht eingehalten werden.
Ohne hellseherische Fähigkeiten lässt sich schwer vorhersagen, ob die Krise um die Straße von Hormus und die damit verbundene Krise am Roten Meer mit diplomatischen Mitteln entspannt werden kann. Es ist auch zu bedenken, dass sich einige der in diesem Blog zitierten Prognosen möglicherweise nicht als richtig erweisen. Sicher ist jedoch, dass die Probleme mit der Straße von Hormus die Regierungen an ihre Schwachstellen im Energiebereich erinnert haben, und dass die Elektrifizierung dazu beitragen kann, sie zu verringern.
1 Internationale Energieagentur. (2026). Strait of Hormuz.
2 Internationale Energeagentur. (2026c, 22. Juni). How global oil supplies have readjusted to help fill the huge gap left by the Strait of Hormuz shock.
3 U.S. Energy Information Administration. (2026a, September). Weekly petroleum status report.
4 U.S. Energy Information Administration. (2026b, 15. September). Gasoline and diesel fuel update.
5 IRU. (2026, 21. September). Diesel prices surpass previous 2026 records.
6 Europäische Kommission. (2026, 17. Juli). Electrification action plan (COM(2026) 595 final).
7 Europäische Kommission. (2026, 17. Juli). Electrification action plan (COM(2026) 595 final).
8 Netzresilienz- und Innovationspartnerschaften (GRIP)
10 Edison Electric Institute. (2026, 1. Juni). New analysis highlights the electric grid’s essential role in supporting the U.S. economy and national security.
11 State-owned Assets Supervision and Administration Commission of the State Council. (2026, 22. Januar). State Grid plans 4 trillion yuan fixed assets investment in next 5 years.
12 Ofgem. (2025, 4. Dezember). Ofgem unlocks £28 billion investment to maintain a safe, secure and resilient energy grid and to upgrade and expand capacity to meet growing demands [Pressemeldung]. Central Electricity Authority. (2026, März). Transmission plan for integration of over 900 GW non-fossil fuel capacity by 2035-36. Government of India; Prime Minister of Canada. (2026, 14. Mai). Prime Minister Carney announces forthcoming National Electricity Strategy [Pressemeldung].
13 Internationale Energeagentur. (2025a, 10. April). Increase in electricity demand by sector, base case, 2024–2030 [Chart].
14 Internationale Energeagentur. (2025a, 10. April). Increase in electricity demand by sector, base case, 2024–2030 [Chart].
15 Internationale Energeagentur. (2026a). Electricity 2026.
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